MMM Frau Aiko, Herr GOTS und das Oeko-Tex

Frau Aiko nimmt teil am Me Made Mittwoch und hat eine lange Geschichte zu erzählen – wer weniger Zeit hat, hier geht’s nach unten zur Zusammenfassung

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Ich schiebe es auf die Schwangerschaftshormone. Oder das schlechte Wetter. Oder beides. Jedenfalls blickte mich die Verkäuferin im Stoffladen mehr als düpiert an.

Ich war schwanger mit Es No. 1 und auf der Suche nach verwertbaren Stoffen für das Wunschkind. Und ich war – bedingt durch textiltechnische Vorlesungen, sowie aus Gewissensgründen – erfüllt von dem Wunsch nur Biotextil an den wachsenden kleinen Babypopo zu lassen. Dank Internetrecherche, Praktika in einschlägigen Bereichen und den genannten Vorlesungen war ich zudem ausgestattet mit einem Halbwissen, um das gewünschte Textil erkennen zu können.

Und dann fand ich mich unerwartet (regenschauerbedingt) im örtlichen Stoffladen wieder. Nun ja, dachte ich, nutzen wir die Gunst der Stunde:

„Ich suche Bio-Jersey für Babybekleidung, können Sie mir weiterhelfen?“, fragte ich.

„Bio, …, bio, …, einen Moment, ich frage meine Kollegin, ich glaube wir haben kürzlich etwas reinbekommen, …“, antwortete die erste Verkäuferin.

„Sie suchen biologische Baumwolle? Da haben Sie Glück. Zurzeit fragen so viele junge Mütter nach bio – jetzt haben wir einen Schwung bestellt“, erklärte die zweite Verkäuferin und führte mich zum besagten Schwung.

Und es genügte ein Blick auf die erwartungsvoll am Stoffballen baumelnden Etiketten.

„Das ist aber nur Oeko-Tex?“

„Ja, Sie wollten doch Bio-Jersey?“

„Ja, ich will bio, nicht Oeko-Tex! Nur weil es öko heißt, ist ja noch lange nicht bio drin. Auf dem Etikett steht „Geprüft auf Schadstoffe“ – nicht mehr und nicht weniger. Sie können doch nicht das eine für das andere verkaufen?“, entgegnete ich vehement und hob an zu einer längeren Erklärung zum Thema textile Kette und biologische Erzeugung.

Es genügte jedoch ihr düpierter Blick und ich kaufte weitgehend schweigend nur einen Meter blaue Zackenlitze und beschloss mich beim nächsten Unwetter lieber beim Bäcker unterzustellen.

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Und wie komme ich nun auf diese alte Geschichte?

Ich habe letzte Woche endlich eine ewig zugeschnittene Frau Aiko fertig genäht. Eigentlich hatte ich mich mit dem Gedanken getragen heute dazu passend etwas Spannendes über Bio-Baumwolle zu erzählen. Aber leider konnte ich mich nicht mehr erinnern, ob der Stoff überhaupt bio ist, oder Oeko-Tex oder einfach nur gestreift.

Und eigentlich auch nicht ganz genau, was eigentlich der Unterschied war.

Die perfekte Gelegenheit also mein veraltetes Halbwissen mal mit Recherche aufzufrischen. Und weil ich es nicht für mich behalten kann, erzähle ich nun eben eine kurze, höchst ökologische Geschichte über Herrn GOTS, Frau Aiko und das Oeko-Tex:

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Oeko-Tex Standard 100, via oeko-tex.com

Oeko-Tex ist im deutschsprachigen Raum das bekannteste Textilsiegel. Von Handtüchern bis Garn, Oeko-Tex begnegt dem Endkonsumenten bei allerlei Gelegenheiten. Zumeist handelt es sich hierbei um den Oeko-Tex Standard 100 (es gibt noch einige andere, umfassendere Siegel derselben Prüfinstitute, deren Listung ich mir hier spare, da der 100er-Standard beiweitem der Verbreiteste ist). Das Siegel liest sich „Textiles Vertrauen – Geprüft auf Schadstoffe nach Oeko-Tex Standard 100“.

Und genau hier liegt auch schon der Knackpunkt: Das Siegel bewertet wirklich nicht mehr als den Schadstoffgehalt im Endprodukt. Egal ob Garn oder Handtuch oder ein Meter Jersey für das Nesthäckchen, es wird garantiert, dass (gesetzliche) Obergrenzen für anerkannt schädliche Stoffe (teils deutlich) unterschritten werden. Für letzteres (Produkte für Babys und Kleinkinder) gelten sogar besonders strenge Richtlinien, wie auch für Produkte, die im direkten Hautkontakt stehen. Allerdings trifft es keine Aussage über den Herstellungsprozess. Es ist egal, ob die Faser biologisch angebaut wurde, oder die Färbung solchen Ansprüchen entspricht, oder die Arbeiter in den Färbereien, Webereien, (usw.), vor Schadstoffen während der Produktion geschützt wurden. Dies kann zutreffen, ist aber nicht Teil der Garantie.

 

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GOTS-Siegel, via utopia.de

Diese Garantie gibt dagegen GOTS. Der Global Organic Textile Standard ist entstanden aus der Zusammenarbeit verschiedener Bioverbände weltweit und ist aktuell zwar nicht der einzige, aber der gängigste Standard für ökologisch produziertes Textil. GOTS-zertifiziert sein kann entweder nur die Faser (= Naturfasern wie Baumwolle, Wolle, Leinen, Hanf, Seide). Bei der Gewinnung werden dann ökologische Richtlinien, wie Anbau ohne Pestizide und synthetische Dünger oder eine artgerechte Tierhaltung, eingehalten.

GOTS-zertifiziert sein können aber auch sämtliche Stufen bis zum Endprodukt (also Fasergewinnung, Spinnen, Färben/Druck, Weben oder Stricken bei Stoffen). Das heißt nun nicht, dass der GOTS-zertifizierte Stoff mit roter Bete und Grüntee gefärbt ist und nur Naturprodukte an den Stoff kommen, aber es wird eine Menge Mist an Chemikalien von vornherein ausgeschlossen. Außerdem gewährleistet der Standard menschenwürdige Arbeitsbedingungen mit der Einhaltung der Kernarbeitsnormen der ILO.

Puh, das war jetzt aber ein langer Post –
Fazit: Oeko-Tex ist nicht bio, aber Frau Aiko von schnittreif ist definitv mein liebster Schnitt für ein Alltagsshirt. Der Schnitt wurde schon viel gelobt und ich kann mich dem nur anschließen, er hat einfach ALLES was man braucht, um als Schnitt geliebt zu werden: Frau Aiko ist schnell genäht, ist extrem wandelbar und macht mich persönlich besonders glücklich durch ihre formvollendete Klarheit.

Wo ist dieser Stoff produziert?
Leider blieb das im Dunkeln.

Welches Material wurde verwendet?
Anonyme Baumwolle mit etwa 5 % Elasthan

Gibt es eine Geschichte zum Design?
Streifen haben quasi Historie, siehe hier.

Schnitt: Frau Aiko

Zustand post nähen: Glückseligkeit, auch wenn ich beim Zuschnitt eventuell betrunken war (die Streifen passen wirklich nur an der gezeigten Schulter aufeinander)

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14 Gedanken zu “MMM Frau Aiko, Herr GOTS und das Oeko-Tex

  1. Fröbelina schreibt:

    Cooll! Total interessant und aufschlussreich, danke! Ich komm mit dem ganzen Kram überhaupt nicht nach. Das ist ja nicht nur bei Textilien so, dass es so viele Unterschiede gibt, sondern überall! ich komem nicht mal bei dem Essen hinterher! Ich weiß auch nicht welche Milch ich trinken soll. Ich bin bereit mehr zu zahlen, aber ich hätte gerne dass ALLE fair bezahlt und behandelt werden und die Milch nicht von weit weg her kommt.
    Bei den Stoffen weiß ich jetzt immerhin dass ich auf Gots Zertifikate achten muss. Aber dann auch wieder ob das Zertifikat für jeden Produktionsschritt gilt. Nervig ist das, dass man da so aufpassen muss! Gut dass du mit der Verkäuferin geschimpft hast, echt gut! Und der Pulli der gefällt mir auch 🙂
    Liebe Grüße
    Katharina

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    • Sophie schreibt:

      Vielen Dank 😀 – man kann das Spiel unendlich spielen: Woher kommt meine Elektronik, wie nachhaltig sind meine Möbel, was ist gute Milch? Und auf all das hab ich keine Antwort – ziemlich ärgerlich eigentlich!

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  2. Änni schreibt:

    Übel, dass nicht mal im Stoffladen richtig deklariert wird. Da muss man sich echt nicht wundern, wenn die Verbraucher/Vernäher keine Ahnung haben.
    Aber Dein Shirt ist dafür richtig klasse!
    Liebe Grüße, Änni

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  3. Keko-Kreativ (Kerstin) schreibt:

    Hach – du sprichst mir aus der Seele 🙂
    Das ewige Missverständnis mit Öko-Tex und Bio. Ich bin froh, dass ich es hier erklärt finde. Was habe ich schon versucht zu dem Thema aufzuklären. Leider wissen es viele immer noch nicht oder vergessen es immer wieder. Die Geschichte mit dem Stoffladen ist so typisch. Ich musste richtig schmunzeln. Mir ist vor nicht allzu langer Zeit etwas ähnliches in einem Stoffladen passiert. Als ich nach Bio-Stoffen fragt, schaute mich die Verkäuferin kurz verdutzt an und meinte dann: „Ach wissen sie – die Stoffe sind ja fast alle aus 100% Baumwolle“. Äh…ja …alles klar.

    Deine FrauAiko ist übrigens genial geworden. Vielleicht muss ich mir das Schnittmuster doch auch noch kaufen, nachdem ich jetzt so beigeistert von Schnittreif bin 🙂

    LG,
    Kerstin

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