Online, offline, untendrunter.

Offline habe ich mir schon einige Zeit Gedanken gemacht zur Nachhaltigkeit vom Textil. Das alles begann mit dem Neujahrsvorsatz 20ziemlichlangeher, Kleidung nachhaltiger zu konsumieren – zu einem Zeitpunkt als mein Kleidungskonsum beängstigende Ausmaße angenommen hatte. Ich dachte: Hej, meine Bananen sind ausgewiesen fair, solche Shirts muss es auch geben. Und in der frohen Erwartung eines Bio- respektive Fair-Trade-Siegels auf dem Shirt marschierte ich in die Läden – und fand …

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NICHTS.
Also, ich fand schon etwas, z.B. uninformiertes Verkaufspersonal,  ein großes schwarzes Wissensloch, sowie liebevoll Geklöppeltes aus dem Eine-Welt-Laden – aber nicht das was ich suchte.

Das war zum Glück vor langer, langer Zeit in einer weit entfernten Galaxie.

Heute gibt es eine Menge grüner Marken mit hohen Ansprüchen an ihre Produktion und ihr Design (eine Liste von Shops siehe hier). Und erfreulicherweise habe ich das seit meiner ersten Suche nach dem fairen Shirt schon billionenmal genauso wiederholen dürfen: Es gibt sie, die tollen nachhaltigen Marken, aufauf, kleidet euch neu, nachhaltig, wunderbar!

Und nun kommt das große ABER: Aber, so wirklich weiß ich noch immer nicht, was nachhaltiger Bekleidungskonsum eigentlich sein soll. Und diese Unsicherheit wurde umso drängender, je mehr ich wieder selbst schneiderte. Einerseits gibt einem Nähen ja immer dieses diffuse Gefühl schon irgendwie besser zu sein, denn ich arbeite ja dafür, nicht ein junges, unterbezahltes Mädchen in Bangladesh. Nur ist das ja nicht alles.

Denn: Ist es nachhaltig, wenn mein Stoff aus der Türkei stammt, aber es ebenso Webereien in Deutschland gibt? Ist es nachhaltig, wenn ich mir auf einen Schlag gleich fünf Meter Stoff kaufe – obwohl ich realistisch nur die Zeit habe einen Meter demnächst zu verarbeiten? Ist es nachhaltig, Bio-Baumwolle zu kaufen, wenn ich ebenso Bio-Leinen kaufen könnte, das deutlich weniger Wasser verbraucht in der Herstellung? Ist es nachhaltiger einen konventionell produzierten Stoff zu kaufen, der zu 100 Prozent gefällt, oder ist es nachhaltiger einen Bio-Stoff zu kaufen, der vielleicht nur zu 87 Prozent gefällt? Also, what the fuck ist eigentlich wirklich nachhaltig?

Die letzten Blogposts haben mich dem nicht näher gebracht. Ich habe zwar erzählen können, woher meine Stoffe stammen (und habe DEUTLICH mehr Information erhalten als erwartet) – aber was heißt das denn nun? Hier mal meine theoretische Annäherung:

„Sustainable development meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs.“, so schön hat es der Brundtland-Bericht schon vor fast 30 Jahren formuliert. Nachhaltigkeit hat also irgendwas damit zu tun, Bedürfnisse heute und morgen gleichermaßen befriedigen zu können. Damit ist aber eher nicht mein chronisches Bedürfnis nach Schokolade gemeint (obwohl ENORM), sondern so grundlegende Dinge wie Nahrung, sauberes Wasser, ein Dach über dem Kopf etc.. Ergo sollte mein Stoff während des Entstehungsprozesses schon mal keinem die Fläche für Nahrungsanbau belegen oder das Trinkwasser verseuchen. Das würde ich persönlich wirklich nett finden von so einem Stoff.

Übertragen auf die textile Wertschöfpungskette kann das konkret heißen:

Versuch 1

Nachhaltiger nähen würde demnach heißen komplett GOTS-zertifizierte Stoffe zu verwenden (da umweltschonender), oder aber nur wirkliche, 100-prozentige Lieblingsstücke zu nähen, oder vielleicht mal endlich meinen riesigen Stoffstoß zu verwerten und nicht noch weiteres Textil zu kaufen.
Und weil es einfach zu viele solcher oder gibt, werden sie ab jetzt höchst-offiziell in der ultimativen Never-ending List of Nachhaltig Nähen gesammelt. Gerade präsentiert sich die Liste noch ein wenig trostlos, aber alle Themen sollen hier Stück für Stück behandelt werden. Solltet ihr also ergänzende Ideen haben zu diesem Thema, immer raus damit – sie können in dieser Liste verewigt werden!

Und was hat das nun mit meinem beginnenden Online-Leben zu tun? Nun ja, ein sehr, sehr kluger meiner Dozenten sagte einmal: Nachhaltigkeit ist ohne Transparenz nicht möglich. Und ich sage: Transparenz bedarf Information. Information, die mir häufig fehlt. Und vielleicht auch anderen Nähenden? Deshalb bekommt die Blogmission Nachhaltig Nähen nun den Unterpunkt Information. Zu jedem Kleidungsstück möchte ich mehr erzählen können, als nur etwas über die Herkunft, sondern zudem bspw. etwas über den Rohstoff oder die Stoffart (was z.B. ist eigentlich der Unterschied zwischen Modal und Viskose oder zwischen Batist und Voile?) oder etwas über nachhaltige Verarbeitungstechniken (Stichwort Zero Waste!).

Puh, wenn ich das nun so lese, bekomme ich direkt Angst vor meiner eigenen Courage …

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So, jetzt aber endlich zu untendrunter. Dieser Versuch eines Unterwäschesets ist in zweierlei Hinsicht ressourcenschonend: Einerseits biologisch angebaut und andererseits Resteverwertung eines früheren Projektes. Außerdem war es dank der GRANDIOSEN Anleitung von Seamwork wirklich außerordentlich nervenschonend zu nähen. Ehrlich, so eine ausführliche Anleitung hatte ich lange nicht mehr.

Genäht habe ich den BH Florence und das (Bikini-)Höschchen Dakota. Beide sind Schnitte vom Seamwork Magazine, das quasi sowas wie eine Schnitte-Flatrate anbietet: Für einen mir gerade entfallenen Betrag darf man sich zwei Schnitte aus der Kollektion je Monat herunterladen. Aufgrund der grandiosen Anleitungen und der insgesamt eher einfachen Schnitte (und der ziemlich erfreulichen Passformtreue) ist das für fortgeschrittenere Anfänger oder faule Fortgeschrittene (wie mich) eine lohnende Angelegenheit.

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Geändert wurde nichts (außer 10 cm Höhe vom Schlüpfer weggenommen, da Er meinte, das wäre sonst ganz greuslig-großmuttrig, obwohl ich mich vintage-wunderschön fand …). Deshalb bin ich halbwegs zufrieden mit meinem ersten Unterwäsche-Experiment. Allerdings ist der BH wohl eher nicht für meine Hühnerbrust gedacht, denn das Körbchen rutscht ständig einige Zentimeter nach oben. Die Problematik ist mir wohlbekannt von Kauf-BHs, jedoch bis dato ein ungelöstes Mysterium geblieben. Sollte ich mich nochmals an DIY-Büstenhalter wagen, dann wird vorher brav hier nachgelesen (oh Katharina, warum hast du das nicht drei Tage vorher gepostet??!!).

Wo ist dieser Stoff produziert?
Von Anbau bis Färben in Indien von/für Birch Fabrics.

Was ist es für ein Stoff? Welches Material wurde verwendet?
Interlock-Jersey aus 100 % biologisch angebauter Baumwolle.

Was gibt es zum Design zu sagen?
Der Stoff stammt aus der Kollektion Mod Basics 3, die hauptsächlich auch als Kombistoffkollektion gedacht ist.

Zustand post nähen: Zurückhaltend interessiert an weiteren Unterwäsche-Abenteuern …

Schnitte: Florence und Dakota.

Damit melde ich mich dann mal bei RUMS und bei Ich näh bio.

 

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11 Gedanken zu “Online, offline, untendrunter.

  1. Hummelbrummel schreibt:

    Danke fürs Posten.
    Vieles denke ich mir ähnlich und bemühe mich um Konsequenz, solange kein Krampf draus wird.
    Was den Rohstoff „Stoff“ für Nähprojekte angeht, so sehe ich mittlerweile „Altkleider“ für mich als interessante Ressource. Da sind zum einen die Bestände aus meinem Elternhaus, wo wenig entsorgt wurde. Mittlerweile denke ich, dass viele Stoffe wahrscheinlich sogar bessere Qualität haben als neue, v.a. im Vergleich mit neuer Billigware. (Kommt natürlich auch drauf an, wie sie gelagert wurde und wie abgetragen die Sachen sind.)
    Einige Sachen meiner verstorbenen Mutter aus schönen Stoffen habe ich tatsächlich beiseite gelegt, um was anderes draus zu nähen. Und falls meine eigenen Vorräte je ausgehen sollten, dann werde ich mich (zum anderen) vertrauensvoll an den Secondhand-Laden im Ort wenden oder auf Flohmärkten umsehen.
    Nur für die Tochter kaufe ich dann doch mal neuen Stoff nach ihren Vorlieben, weil sie sich nicht dem mütterlichen „Recyclingspleen“ unterwerfen sondern ihren eigenen Weg finden soll.

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    • Sophie schreibt:

      Jap, du hast vollkommen Recht. Eigentlich wäre es am konsequentesten alles aus alter Kleidung zu refashionen. Allerdings ist man dann doch etwas eingeschränkt was Schnitte angeht (bspw. weil es zu wenig Stoff am Stück gibt) – wie erlebst du das?

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  2. Christine schreibt:

    Das ist wirklich ein sehr interessantes Thema, das mir auch oft durch den Kopf geht. Schön, dass Du Dich auch mit diesen vielen unterschiedlichen Aspekten und Bedeutungen von Nachhaltigkeit beschäftigst.
    Für mich wäre es eigentlich am nachhaltigsten, weniger Kleidung zu haben, sie möglichst lange zu tragen und auch zu gebrauchte Kleidung zu recyclen. Hummelbrummels Ansatz finde ich da sehr nachahmenswert. Ich muss allerdings zugeben, dass ich selber das nicht so konsequent schaffe. Aber allein schon, sich bewusst mit diesem Thema auseinanderzusetzen und dann eben eine alte Jeans noch mal zu flicken statt sie wegzuschmeißen oder statt billigem Polyirgendwas Bio-Baumwolle zu verwenden ist doch schon mal ein erster Schritt auf dem Weg zu einer Umstellung seines Konsum- (oder Näh-)Verhaltens. Wie schon geschrieben, sollte aus der Konsequenz kein Krampf werden. Alles auf einmal richtig machen zu wollen (was auch immer „richtig“ sein mag), kann auch schnell frustieren – und das wäre dann auch nicht nachhaltig.
    Ich bin gespannt auf Deine weiteren Beiträge dazu (vor allem das Zero Waste-Thema, dazu will ich auch demnächst mal etwas schreiben)
    Liebe Grüße
    Christine
    PS: Sehr hübsches Untendrunter!

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    • Sophie schreibt:

      Vielen lieben Dank – es freut mich total, wenn andere sich ähnliche Gedanken machen! Um richtig oder falsch soll es auf keinen Fall gehen, sondern um spannende neue Ideen und die Frage, was man davon wirklich (ohne Krampf und so) persönlich umsetzen kann und/oder mag … Ich bin übrigens ebenso gespannt, wie weit ich komme 😉

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  3. Fröbelina schreibt:

    Das war schön zu lesen. Gut dass du dir so viele Gedanken machst und sie hier mit allen teilst. Das schafft bei mir ein Bewusstsein. Ich habe mit dem Nähen nicht angefangen, weil es fairer ist, aber mittlerweile ist das ein wichtiger Aspekt für mich geworden!
    Außerdem gefällt mir deine Unterwäsche! Und ich hab ne nachhaltige Lösung für dich (um den zu späten Post wieder gut zu machen 😉 ) : wenn der BH nach oben rutscht ist das Band zu weit. Das Problem hatte ich auch. Sagt einem ja keiner, aber tatsächlich soll das Band die ganze Last aufnehmen und die Träger nur ganz ganz wenig. Das Band muss so eng sein, dass du noch einmal mit der Hand hinten drunter kommst. Steht aber auch auf der verlinkte Seite meine ich. Mit Bildern und so. Und unter Busenfreundin.net (oder so?) sind sogar so Rechner verlinkt mit denen du dich komplett ausmessen kannst und die dir dann eine empfohlenen Größe geben. Weil wenn du das Band enger machst geht der Name des Körbchens hoch. Also das Volumen des Cups eines 75B BHs entspricht dem eines 70C BHs, bzw dem eines 65D BHs usw. Ich sag dir: damit kann man sich Jahre beschäftigen! Aber es macht Spaß! 🙂
    Liebe Grüße
    Katharina

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    • Sophie schreibt:

      Uh, danke für den Tipp – das erklärt tatsächlich einiges! Ich komme nämlich mit meiner gesamten Faust unter das Band, das ist dann wohl eher zu weit …
      Danke für den weiteren Link, ich geh mich jetzt mal berechnen 😉 …

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  4. Barbara schreibt:

    Liebe Sophie,
    nach Deinem lieben Kommentar zu meinem Post heute war ich neugierig auf Deinen Blog und bin so hier gelandet- ich gebe zu, das Bild Deiner Unterwäsche hätte mich wohl nicht hierher gelockt:-)) Obwohl ich jetzt neidlos zugeben muß, daß das Set toll aussieht , aber Unterwäsche nähen ist (noch) nicht mein Thema, zu spannend finde ich noch die Dinge obendrüber…
    Du hast ja einen ganz tollen Ansatz für Deinen Blog, und ich bewundere Deine Konsequenz, mit der Du ihn verfolgst. Ich vernähe auch gerne Biostoffe, aber das ist für mich nur ein Kriterium unter vielen beim Stoffkauf. Bei meiner Kaufkleidung war ich am Schluss übrigens konsequenter, da habe ich dann wirklich nur noch GOTS gekauft…aber ich kaufe jetzt (bis auf Unterwäsche!) eigentlich nichts mehr.
    Nähen ist glaube ich per se nicht resourcenschonend, wenn ich an die Stoffberge denke, die wir alle bei uns zuhause voller Freude jeden Abend betrachten. Und Schnittmusterjunkies wie ich horten dazu ja auch noch große Mengen von Schnitten, so daß die Neuproduktion von Kleidungsstücken auch bei uns ständig weitergeht. Nachhaltig wäre, die nächsten Jahre die Klamotten aus meinem Kleiderschrank aufzutragen, und dann gezielt zu nähen , also nach dem Motto. ich brauche ein weißes T-Shirt, einen neuen Rock, ein Sommerkleid…aber wo bleibt denn da die Freude am Gestalten, am Erlernen neuer Techniken, an einem neuen Kleidungsstück?
    Und Aktionen wie RUMS, MMM und wie sie alle heißen sind natürlich auch nicht gerade fördernd für die Nachhaltigkeit, denn hier möchten wir doch alle neue Sachen zeigen , nach möglichst aktuellen Schnitten und nicht nur olle Kamellen.
    Ich denke, auch hier liegt die Weisheit wie so oft in der Mitte. Selber nähen zeigt uns den Wert der Kleidungsstücke, der sicher über dem liegt , was wir beim Billigschweden zahlen. Wenn wir gut nähen, an unserer Technik arbeiten , produzieren wir keine Teile für die Tonne, sondern Lieblingsstücke, die wir gern und lang tragen und vielleicht auch im nächsten Jahr noch gern beim MMM zeigen. Und wenn wir bereit sind, beim Stoff nicht nur nach den Billigangeboten zu greifen, sondern Qualität bezahlen, leisten wir auch hier unseren Beitrag zur Nachhaltigkeit, egal ob GOTS oder konventioneller Anbieter.
    Entschuldige bitte meinen überlangen Kommentar, aber ich finde das Thema unglaublich spannend!
    LG Barbara

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    • Sophie schreibt:

      Da gibt es nichts zu entschuldigen – ich freu mich über jeden Kommentar, je länger, desto besser 😉 …

      Du hast in vielerlei Hinsicht Recht! Es ist eine Gratwanderung zwischen den Wert der Kleidung kennenlernen und exzessivem Stoffsammeln – oder zwischen Lieblingsstücken nähen und dem eigenen Nähtrieb folgen …

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